Übung: Deine erste Wirkungsanalyse

Probiere folgende Übung aus, um ein Gefühl für Wirkungsanalysen zu bekommen: Nimm Dir eine Maßnahme vor, die in Deinem Umfeld in den letzten Monaten umgesetzt wurde - vielleicht eine neue Regelung, ein neues Werkzeug oder eine Strukturveränderung.

Das Ziel dieser Übung ist es nicht, die perfekte Analyse zu erstellen, sondern ein Gespür dafür zu entwickeln, wie komplex Wirkungszusammenhänge sein können und wie viel sich entdecken lässt, wenn man systematisch hinschaut.

Du brauchst für diese Übung: 45-60 Minuten ungestörte Zeit, Papier und Stift (oder ein digitales Dokument), eine konkrete Maßnahme aus Deinem Arbeitsumfeld der letzten 6 Monate.

Schritt-für-Schritt Wirkungsanalyse

Schritt 1: Die beabsichtigte Wirkung Was sollte die Maßnahme ursprünglich bewirken? Schreibe es möglichst konkret auf - nicht nur "Verbesserung der Kommunikation", sondern "Mitarbeitende sollen schneller wichtige Informationen erhalten" oder "Entscheidungen sollen transparenter werden".

Schritt 2: Die tatsächlichen Veränderungen Was hat sich seit der Einführung tatsächlich verändert? Befrage dazu ruhig auch Kolleginnen und Kollegen, denn jeder nimmt andere Aspekte wahr. Achte besonders auf Veränderungen, die niemand erwartet hatte.

Schritt 3: Die Wirkungsketten nachvollziehen Versuche nachzuvollziehen, wie es zu diesen Veränderungen kam: Welche Interpretationen, Reaktionen und Anpassungen haben stattgefunden? Zeichne Dir ruhig einen kleinen Feedbackgraphen, um die Zusammenhänge zu visualisieren.

Schritt 4: Lernen für die Zukunft Was kannst Du aus dieser Analyse für zukünftige Maßnahmen lernen? Gibt es Muster, die sich wiederholen? Welche Frühindikatoren kannst Du beobachten, um unerwünschte Entwicklungen schneller zu erkennen?

Ein konkretes Beispiel, um die Übung zu veranschaulichen: Stell Dir vor, in Deinem Unternehmen wurde ein neues Tool für die Projektkommunikation eingeführt. Die beabsichtigte Wirkung war "bessere Abstimmung zwischen Projektbeteiligten".

Beispiel-Analyse: Neues Kommunikationstool

Beabsichtigte Wirkung: Bessere Abstimmung zwischen Projektbeteiligten, weniger verpasste Informationen, klarere Verantwortlichkeiten.

Tatsächliche Veränderungen nach 3 Monaten:

  • Projektinformationen sind besser dokumentiert
  • Aber: E-Mail-Flut ist schlimmer geworden (Tool + E-Mail parallel)
  • Ältere Mitarbeitende nutzen das Tool weniger
  • Externe Dienstleister sind schwerer einzubinden
  • Spontane Abstimmungen finden seltener statt

Wirkungsketten: Tool führt zu mehr Dokumentation → Menschen verlassen sich auf das Tool → Direkte Gespräche werden seltener → Spontane Lösungen gehen verloren → Manche Probleme werden erst spät erkannt.

Lernen: Bei Kommunikationstools stärker auf die Übergangsphase achten, externe Partner früher einbeziehen, bewusst Raum für informelle Abstimmung erhalten.

Was mir immer wieder auffällt: Menschen entdecken bei dieser Übung oft, dass sie das Problem viel zu eng betrachtet haben. Plötzlich sehen sie Zusammenhänge, die vorher unsichtbar waren, oder Lösungsmöglichkeiten, an die sie nie gedacht hätten.

Manchmal zeigt die Analyse auch, dass eine scheinbar gescheiterte Maßnahme durchaus positive Wirkungen hatte - nur ganz andere als geplant. Oder dass eine als erfolgreich bewertete Maßnahme problematische Nebenwirkungen produziert hat, die noch nicht sichtbar waren.

Häufige Fallen bei der ersten Wirkungsanalyse

Die Rechtfertigungsfalle: Du analysierst nur, um zu beweisen, dass die Maßnahme richtig war.

Die Schuldzuweisungsfalle: Du suchst nach Schuldigen für unerwünschte Effekte.

Die Oberflächenfalle: Du schaust nur auf die offensichtlichen, direkten Wirkungen.

Die Zeitfalle: Du bewertest zu früh oder betrachtest nur kurzfristige Effekte.

Bei komplexeren Maßnahmen kannst Du die Übung erweitern: Analysiere verschiedene Zeitpunkte (nach 1 Monat, nach 3 Monaten, nach 6 Monaten) oder verschiedene Bereiche (direkt Betroffene, indirekt Betroffene, Führungskräfte, Kunden).

Manchmal ist es auch aufschlussreich, die Analyse gemeinsam mit anderen zu machen. Jeder nimmt andere Aspekte wahr, und durch den Austausch entsteht oft ein viel vollständigeres Bild der tatsächlichen Wirkungen.

Erweiterte Übung: Kollektive Wirkungsanalyse

Vorbereitung: Lade 3-5 Kolleginnen und Kollegen ein, die von derselben Maßnahme betroffen waren.

Schritt 1: Jeder macht zunächst für sich die vier Analyseschritte.

Schritt 2: Alle teilen ihre Erkenntnisse - ohne zu bewerten oder zu diskutieren.

Schritt 3: Gemeinsam werden die verschiedenen Perspektiven zu einem Gesamtbild zusammengefügt.

Schritt 4: Was lernt ihr als Gruppe für zukünftige Veränderungen?

Der Wert der Geduld

Wirkungsanalyse braucht Zeit und Geduld, zwei Ressourcen, die in unserer schnelllebigen Arbeitswelt oft knapp sind; aber diese Investition lohnt sich, weil Du mit der Zeit ein viel feineres Gespür dafür entwickelst, wie Deine Organisation wirklich funktioniert und wo die Hebel für echte Veränderung liegen.

Falls Dir das alles theoretisch vorkommt: Das ist verständlich; aber der Wert dieser Herangehensweise zeigt sich beim Ausprobieren. Wage ein kleines Experiment und schau, was passiert.

Denk daran: Du musst nicht perfekt sein. Es geht nicht darum, eine wissenschaftlich exakte Analyse zu erstellen, sondern darum, bewusster und aufmerksamer zu werden für die komplexen Wirkungszusammenhänge in Deinem Arbeitsumfeld. Jede Beobachtung, die Du zusätzlich machst, erweitert Dein Verständnis.

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