Denkaufgabe: Wahrnehmen ist Erschaffen

Du sitzt in einem Meeting. Dein Kollege sagt einen Satz, und Du denkst: "Das ist doch offensichtlich falsch." Drei andere Kollegen nicken zustimmend. Entweder sind alle drei ahnungslos, oder Du hast etwas übersehen. Wie oft prüfst Du, welche Möglichkeit wahrscheinlicher ist?

Warum diese Aufgabe wichtig ist

Wir nehmen die Welt nicht wahr wie eine Kamera. Wir konstruieren ein Bild aus dem, was wir erwarten, was wir kennen und was wir für wichtig halten. Zwei Menschen in derselben Besprechung erleben zwei verschiedene Besprechungen. Nicht weil einer von beiden falsch liegt, sondern weil beide durch unterschiedliche Filter schauen.

In komplexen Situationen wird das zum Problem. Wenn Du nur Deine eigene Konstruktion siehst, verpasst Du Informationen die andere wahrnehmen. Die folgenden Fragen helfen Dir, Deine eigenen Filter sichtbar zu machen.

Reflexionsfragen zur eigenen Wahrnehmung

Erinnere Dich an eine Situation, in der Du Dir sicher warst, recht zu haben. Später hast Du festgestellt, dass andere Beteiligte die Dinge anders wahrgenommen hatten. Was hat Deine Wahrnehmung in dem Moment gesteuert? Welche Information hast Du übersehen, weil sie nicht in Dein Bild passte?

Welche Brille trägst Du gewöhnlich? Bist Du eher skeptisch oder optimistisch? Siehst Du zuerst Chancen oder Risiken? Die Antwort sagt Dir nicht, ob Du richtig oder falsch liegst. Sie sagt Dir, welche Hälfte der Wirklichkeit Du regelmäßig übersiehst.

Gibt es Themen, bei denen Du besonders starke Filter hast? Politik, Technik, bestimmte Personen? Je stärker die Überzeugung, desto dichter der Filter. Das bedeutet nicht, dass die Überzeugung falsch ist. Es bedeutet, dass Du gegenteilige Hinweise systematisch ausblendest.

Wann hast Du zuletzt etwas völlig anders gesehen als vorher? Was hat den Wechsel ausgelöst? Meistens ist es nicht ein Argument, sondern eine Erfahrung. Eine Begegnung. Ein Moment, in dem die alte Erklärung nicht mehr passt.

Was diese Reflexion bewirkt

Schon das Nachdenken über diese Fragen verändert etwas. Du wirst nicht gleich alles anders sehen. Aber Du entwickelst eine Aufmerksamkeit für die Momente, in denen Du zu schnell zu sicher bist. Das ist der Anfang von Flexibilität im Umgang mit Komplexität.

Wahrnehmunggefiltert, konstruiert
ReflexionFilter sichtbar machen
Perspektivwechselandere Sichtweisen
Flexibilitätim Umgang mit Komplexität

Praktische Übung für diese Woche

Wähle eine Situation oder Person, über die Du eine feste Meinung hast. Etwas, bei dem Du Dir sicher bist, wie es ist. Ein Kollege der immer zu spät kommt. Ein Projekt das nicht funktioniert. Eine Entscheidung die falsch war.

Finde bewusst zwei andere Sichtweisen auf diese Situation. Nicht um Deine Meinung zu ändern, sondern um zu prüfen, was Du möglicherweise nicht siehst. Frage Dich: Wie könnte jemand anderes das sehen? Was könnte ich übersehen?

Beobachte, was passiert. Verändert sich etwas an Deiner Wahrnehmung, wenn Du andere Möglichkeiten zulässt? Viele Menschen entdecken dabei, dass Situationen weniger eindeutig sind als gedacht. Das verunsichert kurz, eröffnet aber neue Handlungsräume.

Für alle, die wirklich mehr wissen und umsetzen möchten ...

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Unsicherheit als Kompetenz

Wer weiß, dass die eigene Wahrnehmung begrenzt ist, hört besser zu. Wer versteht, dass die eigene Perspektive eine von vielen ist, wird neugieriger auf andere Sichtweisen. Das macht nicht unsicher. Es macht aufmerksam.

Diese Aufmerksamkeit für die eigenen blinden Flecken ist in komplexen Situationen wertvoller als jede Gewissheit. Denn Gewissheit schließt Möglichkeiten aus. Aufmerksamkeit öffnet sie.