Wahrnehmen ist erschaffen

Es gibt diesen Moment in Workshops, den ich besonders liebe: Ich zeige ein Bild, und alle Teilnehmenden sind sich absolut sicher, was sie sehen, bis plötzlich jemand etwas völlig anderes darin erkennt; und schwupps, können es alle anderen auch sehen, und niemand versteht mehr, wie man das jemals anders hätte wahrnehmen können.

Was da passiert, finde ich persönlich unglaublich faszinierend und gleichzeitig ein bisschen beunruhigend: Unsere Wahrnehmung, auf die wir uns so gerne verlassen, ist möglicherweise viel weniger objektiv, als wir das gerne hätten; sie ist vielmehr eine höchst persönliche Konstruktion, die mindestens genauso viel über uns selbst aussagt wie über das, was wir zu beobachten glauben.

Was Du in diesem Abschnitt vielleicht entdeckst: Wie Deine eigene Wahrnehmung Deine Realität erschafft und warum es hilfreich sein könnte, sich dieser Konstruktionsleistung bewusst zu werden.

Die Illusion der objektiven Wahrnehmung

Nach meiner Erfahrung ist eine der hartnäckigsten Illusionen, die wir mit uns herumtragen, die Vorstellung, dass wir die Welt so sehen, wie sie "wirklich" ist; wir glauben, unsere Augen funktionieren wie Kameras, unsere Ohren wie Mikrofone, und unser Gehirn wie ein neutraler Prozessor, der die Daten objektiv verarbeitet.

Was ich über die Jahre gelernt habe: Das stimmt möglicherweise so gar nicht; unser Gehirn ist vielmehr ein Meister darin, aus winzigen Informationsfetzen eine scheinbar vollständige Welt zu konstruieren, Lücken zu füllen, Muster zu erkennen, wo vielleicht gar keine sind, und alles in eine Geschichte zu verpacken, die für uns Sinn ergibt.

Beobachterabhängigkeit im Alltag

Ein Phänomen, das mich immer wieder verblüfft: Zwei Menschen erleben dieselbe Besprechung und haben hinterher völlig unterschiedliche Eindrücke davon; die eine Person findet, es war ein konstruktiver Austausch, die andere fühlte sich angegriffen; eine sah Offenheit, die andere Ablehnung.

Was ich daraus gelernt habe, ist, dass es möglicherweise keine beobachterunabhängige Realität gibt, zumindest nicht in sozialen Situationen; was wir wahrnehmen, hängt fundamental davon ab, wer wir sind, was wir erwarten, welche Erfahrungen wir mitbringen, und in welcher Stimmung wir gerade sind.

Wenn Du magst, achte mal bei der nächsten Besprechung darauf, wie unterschiedlich die Beteiligten das Geschehen interpretieren; es ist wirklich erstaunlich, wie viele verschiedene Besprechungen gleichzeitig im selben Raum stattfinden können.

Wie wir unsere Wirklichkeit konstruieren

Was mir geholfen hat zu verstehen, wie wir unsere Wirklichkeit konstruieren, ist die Vorstellung, dass unser Gehirn ständig Geschichten erzählt; es nimmt die Rohdaten unserer Sinne, gleicht sie mit unseren Erfahrungen ab, fügt Erwartungen und Emotionen hinzu, und bastelt daraus eine kohärente Erzählung, die wir dann für "die Realität" halten.

Nach meiner Beobachtung passiert das so schnell und automatisch, dass wir es normalerweise gar nicht bemerken; wir glauben, wir sehen, was da ist, dabei sehen wir möglicherweise vor allem, was wir zu sehen erwarten oder was in unser bisheriges Weltbild passt.

Ein Beispiel aus der Praxis

Ich habe mal erlebt, wie ein neuer Kollege in ein Team kam, und interessanterweise haben alle etwas anderes in ihm gesehen: Die einen sahen einen kompetenten Experten, andere einen Konkurrenten, wieder andere einen potentiellen Verbündeten; dabei war es immer dieselbe Person, nur die Wahrnehmungsfilter waren verschieden.

Blinde Flecken und ihre Folgen

Eine Sache, die ich persönlich ziemlich herausfordernd finde: Wir alle haben blinde Flecken in unserer Wahrnehmung, Bereiche, die wir systematisch übersehen oder falsch interpretieren; und das Gemeine daran ist, dass wir sie per Definition nicht sehen können, weil sie ja eben in unserem blinden Fleck liegen.

Was ich in meiner Arbeit immer wieder erlebe: Diese blinden Flecken können erhebliche Auswirkungen haben, weil sie dazu führen, dass wir bestimmte Informationen konsequent ausblenden, Warnsignale übersehen oder Chancen nicht erkennen, die eigentlich direkt vor unserer Nase liegen.

Nach meiner Erfahrung hilft es, sich bewusst zu machen, dass diese blinden Flecken existieren; nicht, um paranoid zu werden, sondern um ein bisschen demütiger und offener zu werden für das, was wir möglicherweise übersehen.

Der Unterschied, der den Unterschied macht

Gregory Bateson hat mal gesagt, Information sei "ein Unterschied, der einen Unterschied macht", und ich finde, das trifft es ziemlich gut; wir nehmen nicht alles wahr, was da ist, sondern vor allem das, was sich von unseren Erwartungen unterscheidet oder was für uns relevant erscheint.

Was das praktisch bedeutet: In einem Raum voller Gespräche hörst Du plötzlich Deinen Namen, obwohl er nicht lauter gesprochen wurde als alles andere; Dein Wahrnehmungssystem hat diesen Unterschied als relevant eingestuft und ihn aus dem Grundrauschen herausgefiltert.

Wenn Du verstehst, dass Du ständig auswählst, welche Unterschiede für Dich einen Unterschied machen, könntest Du vielleicht bewusster damit umgehen und Dich fragen: Welche Unterschiede übersehe ich möglicherweise systematisch?

Wahrnehmungsfilter erkennen

Ich habe über die Jahre gelernt, dass wir alle mit einer Art Brille durch die Welt gehen, nur dass diese Brille nicht aus Glas besteht, sondern aus unseren Überzeugungen, Erfahrungen, Ängsten und Hoffnungen; und genau wie eine getönte Brille verändert sie die Farben dessen, was wir sehen.

Was ich dabei spannend finde: Diese Filter sind nicht per se schlecht, sie helfen uns, die unglaubliche Komplexität der Welt auf ein handhabbares Maß zu reduzieren; problematisch wird es möglicherweise erst, wenn wir vergessen, dass wir sie tragen, und unsere gefilterte Wahrnehmung für die ungefilterte Realität halten.

Ein wichtiger Hinweis

Nach meiner Erfahrung ist es unmöglich, diese Filter komplett abzulegen; was aber möglich ist: sich ihrer bewusst zu werden und zu verstehen, wie sie unsere Wahrnehmung färben, damit wir zumindest ahnen, was wir möglicherweise nicht sehen.

Die Macht der Erwartung

Ein Phänomen, das mich immer wieder fasziniert: Unsere Erwartungen haben eine fast magische Kraft, die Realität so zu formen, dass sie zu ihnen passt; wenn Du erwartest, dass eine Besprechung schwierig wird, wirst Du möglicherweise jede kleine Spannung als Bestätigung interpretieren und selbst dazu beitragen, dass es tatsächlich schwierig wird.

Was ich daraus gelernt habe: Erwartungen sind wie selbsterfüllende Prophezeiungen, sie schaffen die Bedingungen für ihr eigenes Eintreten; das gilt im Positiven wie im Negativen, und es ist erstaunlich, wie oft wir genau das bekommen, was wir erwarten.

Wenn Du magst, experimentiere mal damit: Geh mit einer bewusst positiven Erwartung in eine Situation, die Du normalerweise als schwierig einschätzt, und beobachte, was passiert; nicht mit rosa Brille, sondern einfach mit der Offenheit, dass es auch anders laufen könnte.

Denkaufgabe

Wenn Du Lust hast, Deine eigene Wahrnehmung mal etwas genauer unter die Lupe zu nehmen, hier ein paar Anregungen:

Was ich daran so wertvoll finde: Schon das Nachdenken über diese Fragen kann Deine Wahrnehmung ein klein wenig flexibler machen; Du wirst möglicherweise nicht gleich alles anders sehen, aber vielleicht entwickelst Du eine gesunde Skepsis gegenüber Deiner eigenen Gewissheit.

Eine Einladung zur Gelassenheit

Falls Dich diese Gedanken verunsichern: Das ist völlig normal und vielleicht sogar ein gutes Zeichen; die Erkenntnis, dass unsere Wahrnehmung konstruiert ist, kann erstmal den Boden unter den Füßen wegziehen, aber sie kann auch unglaublich befreiend sein, weil sie zeigt, dass es immer auch anders sein könnte.

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