Du hast in den letzten Kapiteln die vier Kontexte kennengelernt: einfach, kompliziert, komplex und chaotisch. Jetzt ist der Moment, das Gelesene auf Deine eigene Wirklichkeit anzuwenden. Nimm Dir fünf Minuten, einen Stift und ein Blatt Papier. Die Übung, die jetzt kommt, ist einfach, aber ihre Wirkung zeigt sich oft erst Tage später, wenn Du plötzlich eine Situation anders einordnest als gewohnt.
Schritt eins: Eine aktuelle Herausforderung wählen
Du hast gerade eine Herausforderung im Kopf, die Dich beschäftigt. Vielleicht ein Projekt, das stockt. Ein Konflikt im Team. Eine Entscheidung, die Du vor Dir herschiebst. Oder ein Problem, das immer wieder auftaucht, egal was Du versuchst.
Schreibe sie in einem Satz auf. Nicht ausführlich, nur den Kern. "Das neue Angebot wird nicht fertig." "Die Mitarbeiterin ist unzufrieden, und ich weiß nicht warum." "Die Abläufe im Büro sind zu langsam."
Schritt zwei: In welchem Kontext bewegst Du Dich
Lies die vier Beschreibungen und entscheide, welche am besten zu Deiner Herausforderung passt.
Einfach: Die Ursache ist offensichtlich, die Lösung bekannt. Du musst sie nur umsetzen. Beispiel: Eine Rechnung wurde nicht bezahlt, weil die Bankverbindung falsch war.
Kompliziert: Die Ursache ist nicht offensichtlich, aber mit dem richtigen Fachwissen findbar. Die Lösung existiert, Du brauchst nur den richtigen Fachmann. Beispiel: Die Buchhaltungssoftware zeigt falsche Werte, und Du brauchst den IT-Dienstleister.
Komplex: Es gibt keine einzelne Ursache und keine garantierte Lösung. Was funktioniert, zeigt sich erst durch Ausprobieren. Beispiel: Du willst die Zusammenarbeit zwischen zwei Abteilungen verbessern, aber jeder Versuch erzeugt unerwartete Nebenwirkungen.
Chaotisch: Alles brennt, keine Zeit für Analyse. Du musst sofort handeln, um die Situation zu stabilisieren. Beispiel: Ein wichtiger Kunde droht am Telefon mit Kündigung, und Du hast dreißig Sekunden, um zu reagieren.
Schritt drei: Drei Fragen, die Deine Einordnung prüfen
Du hast Deine Herausforderung einem Kontext zugeordnet. Jetzt prüfe, ob die Einordnung stimmt, indem Du Dir drei Fragen stellst.
Gab es diese Situation schon einmal, und haben die damaligen Lösungen funktioniert? Wenn ja und die Lösungen haben gegriffen → eher einfach oder kompliziert. Wenn die Situation immer wieder auftaucht und nichts dauerhaft hilft → eher komplex.
Verändert sich die Situation, während Du daran arbeitest? Wenn sie stabil bleibt → einfach oder kompliziert. Wenn sie sich ständig verschiebt → komplex. Wenn sie sich schneller verändert, als Du reagieren kannst → chaotisch.
Wird die Sache durch mehr Analyse klarer oder verwirrender? Klarer → kompliziert, Du brauchst nur mehr Information. Verwirrender → komplex, mehr Analyse hilft nicht, Du brauchst einen Versuch.
Für alle, die wirklich mehr wissen und umsetzen möchten ...
Zur KI-Gemeinschaft »Schritt vier: Was sich jetzt ändert
Du hast Deine Herausforderung eingeordnet. Jetzt stelle Dir die entscheidende Frage: Passt mein bisheriges Vorgehen zum Kontext?
Wenn Du eine komplexe Situation bisher wie ein kompliziertes Problem behandelt hast, also mit mehr Analyse, mehr Planung, mehr Kontrolle, erklärt das vielleicht, warum Du nicht weiterkommst. Nicht weil Du etwas falsch machst, sondern weil Du das falsche Werkzeug benutzt.
Wenn Deine Herausforderung komplex ist, probiere beim nächsten Mal bewusst etwas anderes: Statt zu analysieren, starte einen kleinen Versuch. Statt zu planen, beobachte, was passiert. Statt die Lösung zu suchen, frage Dein Team: "Was könnten wir ausprobieren?"
Wenn Deine Herausforderung einfach oder kompliziert ist und Du sie bisher als komplex behandelt hast, vereinfache Dein Vorgehen. Such den Fachmann, folge dem bewährten Ablauf, und verwende Deine Energie nicht für Experimente, wo eine Checkliste reicht.
Was diese Übung bewirkt
Du hast fünf Minuten investiert und möglicherweise noch keine spektakuläre Erkenntnis. Das ist normal. Die Wirkung dieser Übung zeigt sich meistens nicht sofort, sondern in den Tagen danach.
Du sitzt in einer Besprechung, und jemand schlägt eine aufwendige Analyse vor. Du denkst: Moment, ist das hier überhaupt ein Problem, das sich durch Analyse lösen lässt? Oder bräuchten wir eher einen Versuch?
Du stehst vor einer Entscheidung und merkst, dass Du instinktiv nach dem perfekten Plan greifst. Du hältst inne und fragst Dich: Ist die Situation vorhersagbar genug für einen Plan? Oder muss ich es ausprobieren und unterwegs anpassen?
Diese Momente des Innehaltens, in denen Du den Kontext bestimmst, bevor Du das Werkzeug wählst, sind der Kern systemischen Denkens. Und sie beginnen mit genau dieser Übung.