Vom Organigramm zur Wirklichkeit

Was mich immer wieder amüsiert und gleichzeitig nachdenklich macht: Diese Diskrepanz zwischen dem offiziellen Organigramm und der gelebten Realität; da werden mit viel Mühe neue Strukturen entworfen, Kästchen verschoben und Linien neu gezogen, und am Ende ändert sich im tatsächlichen Arbeitsalltag oft erstaunlich wenig.

Nach meiner Beobachtung liegt das daran, dass Organigramme nur die formale Struktur abbilden, aber nichts über die tatsächlichen Arbeitsbeziehungen, Kommunikationswege und Einflussstrukturen aussagen; sie zeigen die Theorie, nicht die Praxis.

Wenn Du wirklich verstehen möchtest, wie Deine Organisation funktioniert, könntest Du vielleicht mal beide Bilder nebeneinanderlegen: das offizielle Organigramm und Deine selbst gezeichnete Systemlandkarte; die Unterschiede könnten sehr aufschlussreich sein.

Ein wichtiger Hinweis

Es geht nicht darum, das Organigramm als nutzlos abzutun; es hat durchaus seine Funktion für formale Prozesse und Verantwortlichkeiten; es geht vielmehr darum zu verstehen, dass es nur einen Teil der Realität abbildet, und möglicherweise nicht mal den wichtigsten.

Zwei parallele Welten

In den meisten Organisationen existieren zwei parallele Welten: die offizielle Welt der Organigramme, Stellenbeschreibungen und Prozesshandbücher, und die inoffizielle Welt der tatsächlichen Arbeitsbeziehungen, informellen Netzwerke und gelebten Abläufe.

Die offizielle Welt ist sauber, logisch, hierarchisch strukturiert; jeder hat seinen Platz, jede Verantwortlichkeit ist klar definiert, jeder Prozess ist dokumentiert; sie sieht gut aus in Präsentationen und gibt Orientierung für neue Mitarbeiter.

Die inoffizielle Welt ist chaotischer, aber oft lebendiger und effektiver; hier entstehen Lösungen, wo die offizielle Struktur blockiert, hier fließen Informationen schneller als über jeden dokumentierten Kanal, hier werden Entscheidungen vorbereitet, bevor sie offiziell getroffen werden.

Warum entstehen diese Unterschiede?

Die Gründe für die Diskrepanz zwischen Organigramm und Wirklichkeit sind vielfältig und oft nachvollziehbar: Organisationen sind lebende Systeme, die sich ständig anpassen und entwickeln, während Organigramme statische Momentaufnahmen sind, die schnell veralten.

Menschen arbeiten nicht nur innerhalb ihrer offiziellen Rolle, sondern bringen ihre ganzen Persönlichkeiten, Fähigkeiten und Beziehungen mit; sie finden Wege, Dinge zu erledigen, auch wenn das Organigramm keinen direkten Weg vorsieht.

Externe Anforderungen ändern sich schneller, als Organigramme angepasst werden können; Märkte, Technologien, Kundenanforderungen entwickeln sich dynamisch, und die Organisation muss sich anpassen, oft bevor die formale Struktur nachgezogen hat.

Realitäts-Check

Nimm das aktuelle Organigramm Deiner Organisation und vergleiche es mit Deiner tatsächlichen Arbeitswelt: Mit wem arbeitest Du wirklich zusammen? Von wem bekommst Du wichtige Informationen? An wen wendest Du Dich, wenn Du schnell eine Antwort brauchst? Wie viel davon spiegelt sich im Organigramm wider?

Die Funktionen des Organigramms

Auch wenn Organigramme die Realität nur unvollständig abbilden, haben sie durchaus wichtige Funktionen: Sie schaffen Klarheit über formale Verantwortlichkeiten, sie helfen bei Gehaltsstrukturen und Karrierewegen, sie sind wichtig für rechtliche und compliance-relevante Prozesse.

Organigramme geben neuen Mitarbeitern Orientierung, sie definieren Eskalationswege für Konflikte, sie regeln Unterschriftsbefugnisse und Budgetverantwortungen; für all diese Zwecke sind sie unverzichtbar und funktional.

Das Problem entsteht erst, wenn wir glauben, dass das Organigramm die komplette Realität der Organisation abbildet, oder wenn wir versuchen, die lebendige Organisation in die starre Form des Organigramms zu zwängen.

Die Macht der informellen Organisation

Was mich immer wieder beeindruckt: Die informelle Organisation ist oft mächtiger und einflussreicher als die formale; hier entstehen Innovation und Kreativität, hier werden Krisen bewältigt, hier passiert die eigentliche Arbeit.

In der informellen Organisation haben Menschen Einfluss aufgrund ihrer Kompetenz, ihrer Persönlichkeit, ihrer Beziehungen, nicht aufgrund ihrer Position im Organigramm; hier zählen Vertrauen, Glaubwürdigkeit und Kooperationsfähigkeit mehr als Titel und Hierarchieebene.

Diese informelle Organisation ist flexibler, anpassungsfähiger und oft auch menschlicher als die formale; sie entwickelt sich organisch, passt sich an veränderte Bedingungen an und findet pragmatische Lösungen für komplexe Probleme.

Reale Kommunikationswege verstehen

Ein besonders auffälliger Unterschied zwischen Organigramm und Wirklichkeit sind die Kommunikationswege: Das Organigramm suggeriert, dass Information hierarchisch fließt, von oben nach unten und umgekehrt, über die dargestellten Linien.

Die Realität sieht oft ganz anders aus: Wichtige Informationen werden zwischen Tür und Angel ausgetauscht, beim Mittagessen weitergegeben, in informellen Gesprächen vor oder nach Meetings besprochen; sie nehmen Abkürzungen, überspringen Hierarchieebenen, fließen diagonal durch die Organisation.

Diese informellen Kommunikationswege sind oft effizienter und zuverlässiger als die offiziellen; sie basieren auf persönlichen Beziehungen, Vertrauen und geteilten Interessen, nicht auf formalen Strukturen.

Kommunikation findet ihren Weg

Information ist wie Wasser: Sie sucht sich immer den einfachsten und schnellsten Weg; wenn die offiziellen Kanäle zu langsam oder zu umständlich sind, entstehen automatisch informelle Alternativen.

Wie Entscheidungen wirklich getroffen werden

Ein weiterer Bereich, wo Organigramm und Wirklichkeit oft auseinanderklaffen, ist die Entscheidungsfindung: Das Organigramm zeigt, wer formal entscheidungsberechtigt ist, aber nicht, wie Entscheidungen tatsächlich zustande kommen.

In der Praxis werden viele Entscheidungen vorbereitet, bevor sie offiziell getroffen werden; es gibt Vorabstimmungen, informelle Konsultationen, Lobbying und Meinungsbildung; wenn die formale Entscheidung dann fällt, ist das Ergebnis oft schon vorgezeichnet.

Diese Vorbereitung findet häufig außerhalb der im Organigramm dargestellten Strukturen statt: in Projekt-Teams, informellen Arbeitsgruppen, persönlichen Gesprächen zwischen Schlüsselpersonen; die wirkliche Macht liegt oft bei denen, die diese Vorbereitungsprozesse steuern können.

Eine Systemlandkarte erstellen

Um die Diskrepanz zwischen Organigramm und Wirklichkeit sichtbar zu machen, kann es hilfreich sein, eine eigene "Systemlandkarte" zu erstellen, die die tatsächlichen Beziehungen und Abläufe in Deiner Organisation zeigt.

Beginne mit den Menschen, mit denen Du tatsächlich arbeitest, nicht mit denen, mit denen Du laut Organigramm arbeiten solltest; zeichne die Verbindungen ein, über die wirklich kommuniziert wird; markiere die Stellen, wo Entscheidungen tatsächlich vorbereitet werden.

Verwende verschiedene Farben oder Symbole für verschiedene Arten von Beziehungen: formale Arbeitsbeziehungen, informelle Netzwerke, Vertrauensverhältnisse, Konfliktlinien; Du wirst möglicherweise überrascht sein, wie anders Deine Systemlandkarte im Vergleich zum offiziellen Organigramm aussieht.

Mapping-Übung

Zeichne für einen konkreten Arbeitsbereich oder ein Projekt eine Karte der tatsächlichen Beziehungen: Wer spricht wirklich mit wem? Wer beeinflusst wen? Wo stocken Informationen? Vergleiche diese Karte dann mit dem offiziellen Organigramm: Was sind die größten Unterschiede?

Die Lücke produktiv nutzen

Die Erkenntnis, dass Organigramm und Wirklichkeit voneinander abweichen, muss nicht frustrierend sein; sie kann auch befreiend und hilfreich sein; wenn Du beide Realitäten verstehst, kannst Du effektiver navigieren und arbeiten.

Du kannst die formalen Strukturen nutzen, wo sie hilfreich sind: für Klarstellung von Verantwortlichkeiten, für Eskalationen, für offizielle Kommunikation; gleichzeitig kannst Du die informellen Netzwerke nutzen für schnelle Information, kreative Lösungen und flexible Kooperationen.

Das Geheimnis liegt darin, beide Welten zu verstehen und je nach Situation die passende zu wählen: Manchmal brauchst Du den offiziellen Weg, manchmal den informellen; manchmal musst Du hierarchisch vorgehen, manchmal netzwerkartig.

Die Grenzen der Reorganisation

Ein wichtiger Punkt, den viele Organisationen übersehen: Strukturelle Veränderungen am Organigramm führen nicht automatisch zu Veränderungen in der gelebten Realität; Menschen und ihre Beziehungen lassen sich nicht einfach per Anweisung neu organisieren.

Ich habe Reorganisationen erlebt, bei denen sich trotz komplett neuer Struktur am tatsächlichen Arbeitsalltag fast nichts geändert hat; die Menschen haben weiter mit denselben Personen zusammengearbeitet, dieselben informellen Kanäle genutzt, dieselben Entscheidungswege beschritten.

Das bedeutet nicht, dass Reorganisationen sinnlos sind, aber sie müssen die informellen Strukturen mitdenken; erfolgreiche Veränderungen berücksichtigen sowohl die formale als auch die informelle Organisation und arbeiten mit beiden.

Struktur allein verändert nichts

Organigramme zu ändern ist einfach, Beziehungen und Gewohnheiten zu ändern ist schwer; erfolgreiche Organisationsentwicklung muss beide Ebenen berücksichtigen und die Menschen bei Veränderungen mitnehmen.

Hybride Führung praktizieren

Wenn Du eine Führungsrolle hast, kannst Du von der Erkenntnis der zwei parallelen Welten profitieren: Du kannst "hybrid" führen, sowohl über die formalen als auch über die informellen Strukturen.

Formal bedeutet: klare Anweisungen geben, Verantwortlichkeiten definieren, Ziele setzen, Kontrolle ausüben; informell bedeutet: Beziehungen pflegen, Vertrauen aufbauen, beeinflussen statt anweisen, Netzwerke nutzen und schaffen.

Die besten Führungskräfte, die ich kenne, beherrschen beide Modi und wechseln flexibel zwischen ihnen je nach Situation; sie verstehen, wann formale Autorität nötig ist und wann informeller Einfluss effektiver ist.

Innovation entsteht informell

Ein wichtiger Aspekt: Innovation und kreative Lösungen entstehen fast immer in der informellen Organisation; hier haben Menschen die Freiheit zu experimentieren, unkonventionelle Wege zu gehen, Grenzen zu überschreiten.

Formale Strukturen sind gut für Effizienz, Kontrolle und Wiederholbarkeit; informelle Strukturen sind gut für Kreativität, Anpassung und Innovation; eine gesunde Organisation braucht beide und sollte beide bewusst pflegen.

Wenn Du Innovation fördern willst, achte auf die informellen Netzwerke: Wer sind die kreativen Köpfe? Wo entstehen neue Ideen? Welche informellen Gruppen experimentieren mit neuen Ansätzen? Diese zu stärken kann wichtiger sein als neue formale Innovationsprozesse zu erfinden.

Das Beste aus beiden Welten

Die Kunst liegt darin, die Stabilität und Klarheit der formalen Organisation mit der Flexibilität und Kreativität der informellen Organisation zu verbinden; wer beide versteht und nutzt, kann das Beste aus beiden Welten herausholen.

Neue Mitarbeiter unterstützen

Ein praktischer Tipp: Wenn neue Mitarbeiter in Deine Organisation kommen, zeige ihnen nicht nur das offizielle Organigramm, sondern auch die informellen Strukturen; erkläre ihnen, wer wirklich Einfluss hat, welche Kommunikationswege funktionieren, welche ungeschriebenen Regeln es gibt.

Diese informelle Einführung kann den Unterschied machen zwischen schneller Integration und monatelangem Orientierungsversuch; neue Mitarbeiter verstehen oft nicht, warum manche Dinge nicht funktionieren, obwohl sie "eigentlich" funktionieren sollten.

Du hilfst ihnen, wenn Du ehrlich über die Diskrepanzen sprichst und ihnen zeigst, wie sie sowohl die formalen als auch die informellen Strukturen nutzen können; das ist ein Geschenk, das sie Dir langfristig danken werden.

Die Weisheit der zwei Karten

Organigramm und Systemlandkarte sind wie zwei verschiedene Karten derselben Stadt: eine zeigt die offiziellen Straßen, die andere die tatsächlich genutzten Wege; Du brauchst beide, um wirklich navigieren zu können.

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