Übung: Drei Situationen neu bewerten

Jetzt wird es praktisch. Diese Übung hilft Dir dabei, Dein neues Verständnis für die verschiedenen Arten von Situationen direkt anzuwenden und zu vertiefen.

Übung: Drei Situationen aus Deinem Arbeitsalltag

Schritt 1: Situationen sammeln Denk an drei konkrete Herausforderungen aus Deinem aktuellen Arbeitsumfeld. Wähle bewusst unterschiedliche Arten von Problemen aus - zum Beispiel ein organisatorisches Problem, eine zwischenmenschliche Herausforderung und ein strategisches Thema.

Schritt 2: Erste Einschätzung Notiere für jede Situation, wie Du sie bisher eingeschätzt hast: Als einfach zu lösen, als kompliziert (braucht mehr Analyse), als komplex (unvorhersehbar) oder als chaotisch (keine erkennbare Ordnung)?

Schritt 3: Cynefin-Framework anwenden Verwende die vier Leitfragen aus dem Kapitel, um jede Situation neu zu bewerten:

  1. Gab es diese oder ähnliche Situationen schon einmal, und funktionieren die damaligen Lösungen noch?
  2. Sind Menschen mit unterschiedlichen Zielen, Erfahrungen oder Emotionen wesentlich beteiligt?
  3. Verändert sich die Situation, während Du daran arbeitest?
  4. Wird die Sache durch mehr Analyse klarer oder verwirrender?

Schritt 4: Neue Herangehensweise entwickeln Überlege für jede Situation: Würdest Du aufgrund der neuen Einschätzung anders vorgehen? Was würdest Du anders machen, wenn Du die Situation als einfach, kompliziert, komplex oder chaotisch behandelst?

Ein Beispiel aus der Praxis: Marcus, ein Teamleiter in einem IT-Unternehmen, beschäftigte sich mit einem scheinbar einfachen Problem - die Produktivität seines Teams war in den letzten Monaten zurückgegangen. Seine erste Einschätzung: "Kompliziert, ich brauche mehr Daten."

Also sammelte er Zahlen, führte Interviews, analysierte Arbeitszeiten. Je mehr er analysierte, desto unklarer wurde das Bild. Die Teammitglieder gaben unterschiedliche Gründe an, die Zahlen waren widersprüchlich, und während er analysierte, veränderte sich die Situation ständig weiter.

Durch die erneute Bewertung erkannte Marcus: Das war eine komplexe Situation. Menschen mit unterschiedlichen Motivationen, sich verändernde Marktanforderungen, Teamdynamik - alles Faktoren, die nicht durch mehr Analyse vorhersagbarer wurden.

Sein neuer Ansatz: Statt mehr zu analysieren, startete er kleine Experimente. Eine Woche Home-Office-Flexibilität für die Hälfte des Teams, ein anderes Mal neue Meeting-Formate, dann veränderte Projektaufteilungen. Schritt für Schritt, beobachten was passiert, das Vorgehen entsprechend anpassen.

Oft löst schon das bewusste Kategorisieren einer Situation das Gefühl der Überforderung auf. Wenn Du weißt, dass eine Herausforderung komplex ist, hörst Du auf, nach der einen richtigen Antwort zu suchen, und beginnst zu experimentieren.

Reflexionsfragen

Nach der Übung könntest Du Dir folgende Fragen stellen:

Das Ziel dieser Übung ist nicht, dass Du plötzlich alle Herausforderungen perfekt kategorisierst. Es geht darum, dass Du ein Bewusstsein für unterschiedliche Arten von Situationen entwickelst und entsprechend flexibler reagieren kannst.

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