Ordnungen erkennen, nicht erzeugen

Montagmorgen, Krisenmeeting. Die Verkaufszahlen brechen ein, niemand versteht warum. Auf dem Tisch liegt ein 47-seitiger Maßnahmenplan: Preise senken, Marketing verstärken, Vertrieb umstrukturieren. Alles gleichzeitig, alles sofort. Drei Monate später ist die Lage schlimmer als zuvor. Die Preissenkung hat die Marge ruiniert. Das neue Marketing verwirrt die Stammkunden. Der umstrukturierte Vertrieb ist gelähmt.

Warum der Aktionismus gescheitert ist

Die Führung hat versucht, Ordnung zu erzeugen, statt die vorhandene Ordnung zu erkennen. Sie hat gehandelt wie ein Chirurg, der operiert ohne vorher zu untersuchen. Bevor Du eine Situation veränderst, musst Du verstehen, in welcher Art von Situation Du Dich befindest. Denn je nach Art gelten völlig andere Regeln.

Vier Arten von Situationen

Dave Snowden hat ein Denkwerkzeug entwickelt, das dabei hilft. Stell Dir vier Räume vor, in denen unterschiedliche Spielregeln gelten. Jeder Raum braucht eine andere Herangehensweise. Der häufigste Fehler: Die Methode aus dem falschen Raum anwenden.

EinfachUrsache klar, Lösung bekannt
KompliziertUrsache findbar, Experte nötig
KomplexMuster erst im Handeln sichtbar
ChaotischErst handeln, dann verstehen
In welchem Raum bin ich gerade?Erst erkennen, dann handeln

Einfach: Wenn Checklisten funktionieren

Du erkennst das Problem sofort. Die Kaffeemaschine funktioniert nicht? Stecker einstecken. Die Rechnung ist falsch? Tippfehler korrigieren. Jeder kann die Ursache sehen und die Lösung anwenden.

Hier helfen Checklisten, feste Abläufe und klare Anweisungen. Die Gehaltsabrechnung folgt Regeln. Urlaubsanträge laufen nach einem festen Muster. Niemand möchte, dass die Buchhaltung kreativ wird.

Die Falle: Nicht alles was einfach aussieht, ist einfach. Manchmal versteckt sich hinter einer scheinbar simplen Frage eine komplexe Situation. "Warum sinken die Verkaufszahlen?" klingt wie eine einfache Frage. Sie ist es nicht.

Kompliziert: Wenn Du einen Fachmann brauchst

Du siehst das Problem, aber Du verstehst die Ursache nicht. Der Motor Deines Autos stottert. Du weißt, dass etwas nicht stimmt. Aber um herauszufinden was, brauchst Du einen Mechaniker. Es gibt eine Ursache und eine Lösung, aber Du brauchst Fachwissen um sie zu finden.

Hier helfen Analysen und Fachleute. Die neue Software braucht einen Entwickler. Die Steueroptimierung einen Berater. Das Bauprojekt einen Architekten. Du kannst verschiedene Experten befragen und aus deren Vorschlägen wählen.

Der Unterschied zum einfachen Raum: Es gibt nicht eine richtige Lösung, sondern mehrere gute. Verschiedene Experten können verschiedene Wege empfehlen die alle funktionieren.

Komplex: Wenn die Lösung erst im Handeln entsteht

Du erkennst weder das Problem noch die Lösung im Voraus. Der Markt verändert sich. Dein Team funktioniert nicht wie erwartet. Ein neuer Wettbewerber taucht auf mit einem Angebot das Du nicht einordnen kannst.

Hier helfen keine Checklisten und keine Experten. Was hilft: Ausprobieren in kleinen Schritten, beobachten was passiert, und auf Basis der Beobachtung den nächsten Schritt entscheiden. Nicht planen und ausführen, sondern probieren und lernen.

Der Krisenfall vom Anfang war eine komplexe Situation. Die Führung hat sie wie eine komplizierte Situation behandelt: analysieren, Maßnahmenplan erstellen, umsetzen. Aber ein Maßnahmenplan hilft nur, wenn Du die Ursache kennst. In einer komplexen Situation kennst Du sie nicht.

Chaotisch: Wenn Du erst handeln musst um zu verstehen

Nichts funktioniert mehr. Die Server sind ausgefallen, die Kunden stehen vor verschlossener Tür, die Presse ruft an. In einer chaotischen Situation hast Du keine Zeit für Analyse. Du musst sofort handeln, irgendeine Ordnung schaffen, und dann von dort aus weitermachen.

Hier zählt Geschwindigkeit, nicht Perfektion. Erst stabilisieren, dann verstehen. Ein Krisenteam einsetzen, die dringendsten Feuer löschen, eine provisorische Lösung finden. Danach, wenn wieder Ruhe ist, kannst Du untersuchen was passiert ist und wie Du es in Zukunft verhinderst.

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Die entscheidende Frage stellen

Bevor Du das nächste Mal einen Maßnahmenplan erstellst, halte inne und frage Dich: In welchem Raum bin ich gerade? Ist die Situation einfach, kompliziert, komplex oder chaotisch?

Wenn Du den Raum erkannt hast, weißt Du welche Methode passt. Im einfachen Raum eine Checkliste. Im komplizierten Raum einen Fachmann. Im komplexen Raum ein Experiment. Im chaotischen Raum sofortiges Handeln. Die Methode aus dem falschen Raum schadet mehr als sie nützt.

Das Krisenmeeting vom Anfang hätte anders verlaufen können. Statt eines 47-seitigen Plans hätte eine Frage gereicht: Verstehen wir überhaupt, warum die Zahlen sinken? Wenn nicht, dann ist die Situation komplex, und ein kleines Experiment bringt mehr Erkenntnis als ein großer Plan.