Zirkularität: Warum die Suche nach dem Schuldigen in die Irre führt
Marketing beschwert sich, dass die Entwicklung zu langsam ist. Die Entwicklung ärgert sich, dass Marketing ständig neue Anforderungen bringt. Du sitzt dazwischen und sollst schlichten. Also fragst Du: Wer hat angefangen? Und merkst nach einer Stunde: Diese Frage führt nirgendwohin.
Was Zirkularität bedeutet
In einfachen Systemen gibt es klare Ursachen und Wirkungen. Du drückst den Schalter, das Licht geht an. Ein Dominostein fällt, der nächste kippt. In komplexen Systemen - Teams, Organisationen, Märkte - funktioniert das nicht. Dort beeinflusst jedes Element jedes andere, und jede Wirkung wird zur Ursache der nächsten Wirkung.
Zurück zum Beispiel: Marketing stellt neue Anforderungen, weil Entwicklung langsam liefert. Entwicklung liefert langsam, weil Marketing ständig neue Anforderungen stellt. Wer hat angefangen? Niemand. Es ist ein Kreislauf. Beide Seiten reagieren aufeinander, und mit jeder Runde verstärkt sich das Muster.
Das Diagramm zeigt keinen Anfang und kein Ende. Es zeigt eine Schleife. Systemisches Denken nennt das Zirkularität: In komplexen Systemen sind alle Elemente gleichzeitig Ursache und Wirkung.
Warum die Suche nach der ersten Ursache scheitert
Unser Verstand sucht nach Anfängen. Wann begann der Konflikt? Wer machte den ersten Fehler? Bei einer Maschine ist das sinnvoll - ein Zahnrad bricht, die Kette reißt. Bei Menschen und Organisationen führt diese Suche in die Irre.
Ist schlechte Stimmung im Team die Ursache für sinkende Produktivität? Oder führt sinkende Produktivität zu schlechter Stimmung? Ist mangelnde Kommunikation die Ursache für Vertrauensverlust? Oder führt Vertrauensverlust dazu, dass weniger kommuniziert wird?
Die Antwort ist: Beides stimmt gleichzeitig. Es gibt keine Wurzel, die man ausreißen könnte. Es gibt ein Netzwerk gegenseitiger Verstärkungen. Und das ist die gute Nachricht: Du kannst an jeder Stelle im Kreislauf eingreifen. Du musst nicht den Anfang finden, um etwas zu verändern.
Kreisläufe die sich selbst verstärken
Manche Kreisläufe treiben nach oben. Erfolg erzeugt Selbstvertrauen. Selbstvertrauen verbessert die Leistung. Bessere Leistung erzeugt mehr Erfolg. Mit jeder Runde wird das Muster stärker.
Manche Kreisläufe treiben nach unten. Ein Misserfolg weckt Selbstzweifel. Selbstzweifel verschlechtern die Leistung. Schlechtere Leistung führt zu mehr Misserfolg. Auch dieses Muster verstärkt sich mit jeder Runde.
Das Entscheidende: Beide Kreisläufe haben dieselbe Struktur. Der Unterschied liegt nicht im Mechanismus, sondern in der Richtung. Wenn Du einen Abwärtskreislauf erkennst, brauchst Du nicht die Ursache zu finden. Du brauchst einen Eingriff, der die Richtung umdreht. Ein einzelner Erfolg, bewusst herbeigeführt, kann ausreichen.
Stabilisierende Kreisläufe
Nicht alle Kreisläufe verstärken sich. Manche halten ein System im Gleichgewicht. Ein Thermostat misst die Temperatur, schaltet die Heizung ein wenn es zu kalt wird und aus wenn es warm genug ist. Das System schwankt um einen Sollwert.
In Organisationen zeigen sich stabilisierende Kreisläufe oft als Widerstand gegen Veränderung. Du führst eine neue Arbeitsweise ein, aber das Team kehrt nach wenigen Wochen zur alten zurück. Nicht aus Bösartigkeit, sondern weil ein stabilisierender Kreislauf wirkt: Die alte Arbeitsweise fühlt sich vertraut an, die neue erzeugt Unsicherheit, Unsicherheit führt zurück zur alten Weise.
Das zu verstehen verändert Deine Strategie. Du kämpfst nicht gegen den Widerstand. Du veränderst den Sollwert, indem Du die neue Arbeitsweise vertraut machst, bevor Du die alte abschaffst.
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Hör auf, nach dem Schuldigen zu suchen. Wenn ein Problem in Deinem Team immer wiederkehrt, liegt es nicht an einer Person. Es liegt an einem Muster. Zeichne den Kreislauf auf: Was löst was aus? Was verstärkt was? Das Bild zeigt Dir, wo Du eingreifen kannst.
Greife an der Stelle ein, die am leichtesten zu verändern ist. Du musst nicht die Ursache finden, weil es keine einzelne Ursache gibt. Suche die Stelle im Kreislauf, an der eine kleine Veränderung die größte Wirkung hat. Oft ist das nicht die offensichtlichste Stelle.
Rechne mit Zeitverzögerung. Kreisläufe reagieren nicht sofort. Wenn Du an einer Stelle eingreifst, dauert es, bis die Wirkung den gesamten Kreislauf durchlaufen hat. Gib der Veränderung Zeit, bevor Du sie als gescheitert aufgibst.