Jenseits der Ursache

Es gibt diese Momente in Beratungsprojekten, die mich immer wieder demütig machen: Da sitze ich mit der Geschäftsführung zusammen, wir haben wunderbare Ursache-Wirkungs-Diagramme erstellt, alles sieht logisch und nachvollziehbar aus, und dann passiert in der Umsetzung etwas völlig anderes, als wir erwartet hatten; nicht nur ein bisschen anders, sondern grundlegend anders, manchmal sogar das genaue Gegenteil.

Was ich über die Jahre gelernt habe, und das hat mein Denken ziemlich auf den Kopf gestellt: In komplexen Systemen funktioniert diese schöne, klare Logik von Ursache und Wirkung möglicherweise gar nicht so, wie wir das gerne hätten; stattdessen begegnen uns Kreisläufe, Rückkopplungen und Wechselwirkungen, die unsere linearen Denkmodelle ziemlich alt aussehen lassen.

Warum A nicht immer zu B führt

In meiner Schulzeit war die Welt noch einfach: Wenn ich lerne, bekomme ich gute Noten; wenn ich mehr lerne, bekomme ich bessere Noten; eine schöne, lineare Beziehung, die meistens auch funktioniert hat, zumindest in der Schule.

Im wirklichen Leben, besonders in Organisationen, erlebe ich jedoch immer wieder, dass diese einfachen Zusammenhänge nicht greifen: Da führt eine Gehaltserhöhung nicht zu mehr Motivation, sondern zu Neid und Unruhe im Team; eine neue Software, die Arbeit erleichtern soll, führt zu mehr Stress; ein gut gemeintes Lob bewirkt Misstrauen statt Freude.

Was da passiert, finde ich persönlich faszinierend: Die Wirkung hängt nicht nur von der Ursache ab, sondern vom gesamten Kontext, von der Geschichte, von den Beziehungen, von tausend Faktoren, die wir möglicherweise gar nicht auf dem Schirm haben.

Was Du in diesem Abschnitt vielleicht entdeckst: Warum lineares Denken in komplexen Situationen an seine Grenzen stößt und wie ein Verständnis von Kreisläufen und Wechselwirkungen Dir helfen könnte, überraschende Entwicklungen besser zu verstehen.

Zirkularität verstehen

Ein Konzept, das mir geholfen hat, diese merkwürdigen Phänomene besser zu verstehen, ist die Idee der Zirkularität; damit meine ich, dass Ursache und Wirkung sich gegenseitig beeinflussen, in Kreisläufen verbunden sind, sodass man oft gar nicht mehr sagen kann, was nun eigentlich die Ursache und was die Wirkung ist.

Ein klassisches Beispiel aus meiner Praxis: Eine Führungskraft kontrolliert ihr Team sehr genau, weil sie den Eindruck hat, die Mitarbeitenden seien nicht selbstständig genug; die Mitarbeitenden wiederum verhalten sich unselbstständig, weil sie ständig kontrolliert werden und gelernt haben, lieber nichts ohne Absicherung zu machen; was war zuerst da, die Kontrolle oder die Unselbstständigkeit?

Nach meiner Erfahrung lässt sich das oft gar nicht mehr feststellen, und es ist möglicherweise auch gar nicht so wichtig; wichtiger könnte sein zu verstehen, dass hier ein sich selbst verstärkender Kreislauf entstanden ist, den man nicht durch mehr desselben durchbrechen kann.

Emergenz: Wenn 1+1=3 ist

Eine der verblüffendsten Eigenschaften komplexer Systeme ist für mich die Emergenz, also das Phänomen, dass aus dem Zusammenspiel von Teilen etwas völlig Neues entsteht, das man aus den Eigenschaften der Einzelteile nicht vorhersagen könnte.

Was ich damit meine: Wenn Du zwei kompetente Menschen zusammenbringst, könnte man erwarten, dass ihre gemeinsame Leistung der Summe ihrer Einzelleistungen entspricht; in der Realität erlebe ich aber immer wieder, dass entweder etwas Großartiges entsteht, das weit über die Summe hinausgeht, oder dass sie sich gegenseitig blockieren und weniger erreichen als jeder für sich.

Diese emergenten Eigenschaften machen Vorhersagen so schwierig: Du kannst noch so genau die Einzelteile analysieren, das sagt Dir möglicherweise wenig darüber, was passiert, wenn sie zusammenkommen; es ist wie bei einem Rezept, wo die gleichen Zutaten je nach Art der Zubereitung zu völlig unterschiedlichen Gerichten führen können.

Ein Beispiel aus der Praxis

Ich habe mal erlebt, wie drei eher durchschnittliche Mitarbeitende zusammen ein Projektteam bildeten und plötzlich innovative Lösungen entwickelten, die niemand erwartet hätte; die Chemie stimmte, sie inspirierten sich gegenseitig, und es entstand diese besondere Dynamik, die man weder planen noch erzwingen kann.

Rückkopplung als Verstärker

Was komplexe Systeme auch so unberechenbar macht, sind die Rückkopplungsschleifen, die überall entstehen; eine kleine Veränderung führt zu einer Reaktion, die wieder auf die ursprüngliche Veränderung zurückwirkt, diese verstärkt oder abschwächt, was wieder neue Reaktionen auslöst, und schwupps hast Du eine Dynamik, die ein Eigenleben entwickelt.

Ein Beispiel, das ich immer wieder beobachte: In einem Team herrscht schlechte Stimmung, deshalb arbeiten die Menschen weniger gut zusammen, dadurch entstehen mehr Fehler, was die Stimmung weiter verschlechtert, was zu noch schlechterer Zusammenarbeit führt; ein klassischer Teufelskreis, der sich selbst verstärkt.

Aber es gibt natürlich auch positive Rückkopplungen: Ein kleiner Erfolg motiviert, die Motivation führt zu mehr Engagement, das Engagement zu weiteren Erfolgen, was die Motivation weiter steigert; wenn Du so eine positive Spirale einmal in Gang gesetzt hast, kann sie erstaunliche Kräfte entwickeln.

Nichtlinearität im Alltag

Eine Eigenschaft komplexer Systeme, die mich immer wieder verblüfft, ist ihre Nichtlinearität; damit meine ich, dass kleine Ursachen große Wirkungen haben können und umgekehrt große Anstrengungen manchmal verpuffen wie ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Ich erinnere mich an ein Unternehmen, das Millionen in eine Kampagne zur Kulturveränderung investiert hat, mit externen Beratern, Workshops, neuen Leitbildern, dem vollen Programm; der Effekt war nahezu null; in einem anderen Unternehmen hat eine einzige Führungskraft angefangen, ihre Besprechungen anders zu gestalten, und das hat eine Welle der Veränderung ausgelöst, die die ganze Organisation erfasst hat.

Was ich daraus gelernt habe: In komplexen Systemen kannst Du möglicherweise nie sicher sein, welche Intervention welche Wirkung haben wird; manchmal sind es die kleinen, unscheinbaren Veränderungen, die den größten Unterschied machen.

Schmetterlingseffekte im Büro

Der berühmte Schmetterlingseffekt, wonach der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien einen Tornado in Texas auslösen könnte, ist natürlich eine Metapher, aber ich erlebe täglich kleine Versionen davon in Organisationen.

Da macht eine Führungskraft eine beiläufige Bemerkung in der Kaffeeküche, jemand interpretiert sie als Kritik, erzählt es weiter, die Geschichte wird bei jeder Weitergabe dramatischer, und zwei Wochen später haben wir eine handfeste Abteilungskrise, deren Ursprung niemand mehr nachvollziehen kann.

Oder positiv: Eine Mitarbeiterin bringt selbstgebackenen Kuchen mit, das Team kommt ins Gespräch, dabei entsteht eine Idee für eine Prozessverbesserung, die wird umgesetzt, spart Zeit, die für kreativere Aufgaben genutzt wird, daraus entstehen neue Produkte; wer hätte gedacht, dass ein Stück Kuchen so weitreichende Folgen haben könnte?

Die Unberechenbarkeit akzeptieren

Diese Schmetterlingseffekte machen deutlich, dass wir in komplexen Systemen möglicherweise nie alle Folgen unseres Handelns vorhersehen können; das ist kein Fehler im System, sondern eine grundlegende Eigenschaft, mit der wir umgehen lernen könnten.

Die Grenzen der Vorhersagbarkeit

Wenn ich all diese Phänomene zusammennehme, die Zirkularität, die Emergenz, die Rückkopplungen, die Nichtlinearität, dann wird mir immer klarer, warum unsere Versuche, die Zukunft vorherzusagen, so oft danebengehen; wir tun so, als könnten wir die Entwicklung komplexer Systeme berechnen wie die Flugbahn einer Kanonenkugel, dabei gleichen sie eher dem Wetter.

Was ich damit nicht sagen will: dass Planung sinnlos ist oder dass wir die Hände in den Schoß legen sollten; aber vielleicht könnten wir bescheidener werden in unseren Vorhersagen, flexibler in unseren Plänen, und vor allem aufmerksamer für die tatsächlichen Entwicklungen, statt stur an unseren Prognosen festzuhalten.

Nach meiner Erfahrung hilft es, Pläne eher als Hypothesen zu verstehen denn als Gewissheiten, und ständig bereit zu sein, sie anzupassen, wenn die Realität andere Wege geht; was sie in komplexen Systemen ziemlich zuverlässig tut.

Denkaufgabe

Wenn Du magst, nimm Dir einen Moment Zeit und denke an Situationen in Deinem Arbeitsumfeld, wo die einfache Ursache-Wirkungs-Logik nicht gegriffen hat:

Vielleicht erkennst Du dabei Muster, die Dir helfen könnten, künftig anders mit solchen Situationen umzugehen; nicht indem Du versuchst, sie zu kontrollieren, sondern indem Du ihre Eigenlogik besser verstehst und mit ihr arbeitest statt gegen sie.

Eine Einladung zum Umdenken

Falls Dich diese Gedanken etwas verunsichern: Das kann ich gut verstehen, mir ging es anfangs genauso; aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass es unglaublich befreiend sein kann, die Illusion der vollständigen Kontrolle loszulassen und stattdessen neugierig und flexibel mit den Überraschungen umzugehen, die komplexe Systeme für uns bereithalten.

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