Übung: Ein Problem, sechs Blickwinkel

Um das Arbeiten mit verschiedenen Perspektiven ganz praktisch auszuprobieren, hier eine kleine Übung:

Nimm ein aktuelles Problem oder eine Herausforderung aus Deinem Arbeitsalltag, etwas, das Dich gerade beschäftigt; und dann betrachte es nacheinander aus sechs verschiedenen Blickwinkeln:

Die sechs Blickwinkel im Detail

Das Problem verändert sich schon während der Übung; was vorher wie eine ausweglose Situation aussah, zeigt neue Facetten, oder was wie ein riesiges Problem wirkte, schrumpft auf eine handhabbare Größe.

Wenn Du mutig bist, mache diese Übung auch mit anderen zusammen; es ist faszinierend zu erleben, wie unterschiedlich Menschen dasselbe Problem wahrnehmen können.

Ein konkretes Beispiel, um die Übung zu veranschaulichen: Stell Dir vor, Dein Team hat Probleme mit der Termineinhaltung bei Projekten. Hier ist, wie die sechs Blickwinkel aussehen könnten:

Beispiel: Terminprobleme im Team

Faktenperspektive: "Drei von fünf Projekten in den letzten sechs Monaten waren verspätet. Durchschnittliche Verzögerung: 15 Tage. Hauptursachen laut Dokumentation: veränderte Anforderungen, technische Probleme, Krankheitsausfälle."

Gefühlsperspektive: "Das Team wirkt gestresst und frustriert. Ich selbst fühle mich unter Druck. Die Kunden sind unzufrieden. Da ist viel Anspannung und wenig Freude an der Arbeit."

Risikoperspektive: "Wir könnten wichtige Kunden verlieren. Das Team könnte ausbrennen. Mein eigener Ruf als Projektleiter steht auf dem Spiel. Weitere Verzögerungen könnten zu Budget-Kürzungen führen."

Chancenperspektive: "Das ist eine Gelegenheit, unsere Prozesse zu verbessern. Wir könnten als Team enger zusammenwachsen. Bessere Planung würde uns langfristig entspannter arbeiten lassen."

Kreativperspektive: "Was wäre, wenn wir Termine komplett abschaffen? Oder Pufferzeiten von 50% einbauen? Oder Kunden in die tägliche Planung einbeziehen? Oder das ganze Team remote arbeiten lassen?"

Metaperspektive: "Vielleicht ist das Problem nicht die Termineinhaltung, sondern unrealistische Erwartungen. Oder ein Symptom für grundlegende Kommunikationsprobleme. Wie würde ein außenstehender Berater das sehen?"

Siehst Du, wie sich das Problem von Blickwinkel zu Blickwinkel verändert? Plötzlich ist es nicht mehr nur "Wir sind zu langsam", sondern ein vielschichtiges Thema mit verschiedenen Aspekten und Lösungsansätzen.

Schritt-für-Schritt Anleitung

Vorbereitung: Nimm Dir 30-45 Minuten ungestörte Zeit. Leg Dir Papier und Stift bereit.

Schritt 1: Beschreibe Dein Problem in 1-2 Sätzen

Schritt 2: Gehe reihum durch alle sechs Perspektiven

Schritt 3: Notiere Dir zu jeder Perspektive mindestens 2-3 Punkte

Schritt 4: Schaue über alles drüber: Was überrascht Dich? Welche neuen Erkenntnisse hast Du?

Schritt 5: Formuliere das Problem neu, basierend auf all den Perspektiven

Was mir immer wieder auffällt: Menschen entdecken bei dieser Übung oft, dass sie das Problem viel zu eng betrachtet haben. Plötzlich sehen sie Zusammenhänge, die vorher unsichtbar waren, oder Lösungsmöglichkeiten, an die sie nie gedacht hätten.

Der Mehrwert der Übung

Diese Übung trainiert Deine "Perspektiven-Muskeln". Je öfter Du sie machst, desto automatischer wird es, Situationen aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Das macht Dich flexibler, kreativer und letztendlich effektiver im Umgang mit komplexen Herausforderungen.

Falls Dir das alles theoretisch vorkommt: Das ist verständlich; aber der Wert dieser Herangehensweise zeigt sich beim Ausprobieren; wage ein kleines Experiment und schau, was passiert.

Eine Ermutigung zum Experimentieren: Du musst nicht perfekt sein. Es geht nicht darum, alle Perspektiven gleich gut zu beherrschen, sondern darum, überhaupt anzufangen, bewusster und vielfältiger zu denken. Jeder Blickwinkel, den Du zusätzlich einnimmst, erweitert Dein Verständnis.

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