Führung durch Perspektivvielfalt

Praxisfall: Eskalation durch Einperspektivendominanz

Eine typische Situation: Ein Projektteam, das aus lauter kompetenten Menschen bestand, hatte sich so verhakt, dass sie kurz davor waren, das ganze Projekt an die Wand zu fahren; und das Verrückte daran war, dass alle Beteiligten überzeugt waren, sie würden das Richtige tun.

Was war passiert? Die technische Leiterin sah das Projekt durch ihre Ingenieursbrille und bestand auf perfekter Qualität, der Vertrieb schaute durch seine Kundenbrille und drängte auf schnelle Lieferung, die Geschäftsführung hatte ihre Zahlenbrille auf und sah nur die steigenden Kosten, und niemand konnte verstehen, warum die anderen so "stur" waren.

Die Erkenntnis: Jede einzelne Perspektive war berechtigt und wichtig, aber die Dominanz jeweils einer Perspektive und die Unfähigkeit, die anderen Sichtweisen wirklich zu verstehen, hatte das Team in eine Eskalationsspirale geführt, aus der sie alleine nicht herauskamen.

Was Du in diesem Abschnitt entdeckst: Wie verschiedene Perspektiven eine Bereicherung sind, statt ein Problem, und welche Werkzeuge Dir helfen, diese Vielfalt konstruktiv zu nutzen.

Das Perspektivwechsel-Werkzeug

Ein bewährtes Werkzeug für den Umgang mit verschiedenen Perspektiven ist das "Perspektivwechsel-Werkzeug", das sich als hilfreich erweist; es funktioniert einfacher, als Du denkst.

Die Grundidee: Bei jeder wichtigen Entscheidung oder bei jedem Konflikt nimmst Du systematisch verschiedene Perspektiven ein, und zwar nicht oberflächlich, sondern versuchst wirklich, die Welt durch diese andere Brille zu sehen; was würde die Buchhaltung dazu sagen, was die Kundschaft, was die Mitarbeitenden, was die Konkurrenz?

Dabei ist wichtig: Es reicht nicht, sich vorzustellen, was andere denken; Du musst ihre Position einnehmen, mit ihren Prioritäten, ihren Ängsten, ihren Hoffnungen, und dann wird vieles verständlich, was vorher wie Sturheit aussah.

So gehst Du vor

Nimm ein aktuelles Problem und schreibe es in die Mitte eines Blattes; drum herum notierst Du verschiedene Rollen oder Perspektiven, die relevant sein können; dann gehst Du reihum und formulierst das Problem aus jeder dieser Perspektiven neu; Du wirst überrascht sein, wie unterschiedlich dasselbe Problem aussehen kann.

Systemische Fragetechniken

Ein wertvolles Werkzeug ist die Kraft systemischer Fragen, Fragen, die nicht nach der einen richtigen Antwort suchen, sondern verschiedene Perspektiven sichtbar machen und zum Nachdenken einladen.

Beispiele für solche Fragen: "Was würde Deine Kollegin dazu sagen?", "Wie sähe das Problem aus, wenn es keines wäre?", "Was müssten wir tun, damit es noch schlimmer wird?", oder: "Angenommen, das Problem hätte auch eine gute Seite, welche ist das?"

Solche Fragen öffnen Denkräume, die vorher verschlossen waren; sie laden dazu ein, die eigene Perspektive zu verlassen und neue Zusammenhänge zu entdecken, und dabei entstehen Lösungen, auf die niemand gekommen wäre, wenn alle in ihrer jeweiligen Perspektive geblieben wären.

Dialogformate für Mehrdeutigkeit

Normale Besprechungen sind nicht gut geeignet, um mit verschiedenen Perspektiven konstruktiv umzugehen; da wird diskutiert, wer recht hat, statt zu erkunden, was alles möglich sein könnte.

Andere Gesprächsformen sind hilfreich, die mehr Raum für Mehrdeutigkeit lassen; beginne eine Besprechung damit, dass jede Person ihre Perspektive ausführlich darstellen darf, ohne dass jemand widerspricht oder kommentiert; oder führe die Regel ein, dass jeder Einwand mit einem "Ja, und..." beginnen muss statt mit einem "Ja, aber...".

Eine wertvolle Gesprächsform ist der "Perspektivenkreis": Alle Beteiligten sitzen im Kreis, und reihum darf jede Person ihre Sicht der Dinge schildern; die anderen hören nur zu und versuchen zu verstehen, ohne zu bewerten; erst wenn alle gehört wurden, beginnt man gemeinsam zu erkunden, was das alles bedeuten kann. Die Ablaufdimension zeigt sich hier deutlich: Wie Information fließt und Entscheidungen entstehen, hängt mehr von der Gestaltung solcher Gesprächsprozesse ab als von der formalen Hierarchie.

Multiperspektivität als Führungsprinzip

Wenn Du Führungsverantwortung hast, mache Multiperspektivität zu einem Deiner Grundprinzipien; das bedeutet nicht, dass Du keine Entscheidungen triffst oder alles ausdiskutierst, bis alle glücklich sind, sondern dass Du systematisch verschiedene Blickwinkel einbeziehst, bevor Du entscheidest.

Statt nur auf Deine eigene Einschätzung zu vertrauen, befrage bei wichtigen Themen gezielt Menschen mit anderen Perspektiven; nicht um Deine Verantwortung abzugeben, sondern um ein vollständigeres Bild zu bekommen.

Die Kraft der Vielfalt

Entscheidungen, die verschiedene Perspektiven berücksichtigt haben, führen nicht nur zu besseren Ergebnissen, sondern werden auch von mehr Menschen mitgetragen, weil sie sich gehört und verstanden fühlen, auch wenn nicht alles nach ihren Vorstellungen läuft.

Werkzeug: Die 6-Hüte-Methode adaptiert

Edward de Bonos 6-Hüte-Methode lässt sich gut für die Arbeit mit Perspektiven anpassen; die Grundidee bleibt, dass man bewusst verschiedene Denkhüte aufsetzt, aber man kann sie weniger formell und mehr als Erinnerung daran nutzen, dass es mehrere Arten gibt, eine Situation zu betrachten.

So könnte das aussehen: Der weiße Hut für Fakten und Informationen, der rote für Gefühle und Intuition, der schwarze für kritische Betrachtung, der gelbe für Optimismus und Chancen, der grüne für kreative Ideen, und der blaue für den Überblick und die Prozesssteuerung.

Der Wert dabei: Es legitimiert verschiedene Arten des Denkens; du darfst auch nur auf dein Bauchgefühl hören (roter Hut) oder bewusst nach verrückten Ideen suchen (grüner Hut), ohne dass das als unprofessionell gilt; und gleichzeitig erinnert es daran, dass keine Perspektive die ganze Wahrheit erfasst.

Probiere es in einer kleineren Runde aus: Bei einem Problem setzt ihr nacheinander verschiedene Hüte auf und betrachtet die Situation nur durch diese eine Brille; Du wirst erstaunt sein, was dabei zum Vorschein kommt.

Konflikte als Perspektivenclash verstehen

Eine zentrale Erkenntnis: Die meisten Konflikte sind im Kern keine Auseinandersetzungen zwischen richtig und falsch, sondern zwischen verschiedenen Perspektiven, die alle ihre Berechtigung haben.

Wenn die Entwicklungsabteilung und der Vertrieb sich streiten, dann nicht, weil eine Seite inkompetent ist, sondern weil sie die Welt durch unterschiedliche Brillen sehen; die einen sehen Qualität und Nachhaltigkeit, die anderen Geschwindigkeit und Kundenwünsche, und beide haben recht, nur eben aus ihrer jeweiligen Perspektive.

Betrachte Konflikte nicht als Problem, das gelöst werden muss, sondern als Hinweis darauf, dass hier verschiedene wichtige Perspektiven aufeinandertreffen; die Frage ist dann nicht "Wer hat recht?", sondern "Wie nutzen wir die Weisheit beider Perspektiven?"

Ein wichtiger Hinweis

Das bedeutet nicht, dass alle Perspektiven gleich gültig sind oder dass es keine falschen Einschätzungen gibt; es bedeutet, dass es sich lohnt, zu verstehen, warum jemand die Dinge so sieht, wie er oder sie sie sieht, bevor man urteilt.

Übung: Ein Problem, sechs Blickwinkel

Um das Arbeiten mit verschiedenen Perspektiven ganz praktisch auszuprobieren, hier eine kleine Übung:

Nimm ein aktuelles Problem oder eine Herausforderung aus Deinem Arbeitsalltag, etwas, das Dich gerade beschäftigt; und dann betrachte es nacheinander aus sechs verschiedenen Blickwinkeln:

Das Problem verändert sich schon während der Übung; was vorher wie eine ausweglose Situation aussah, zeigt neue Facetten, oder was wie ein riesiges Problem wirkte, schrumpft auf eine handhabbare Größe.

Wenn Du mutig bist, mache diese Übung auch mit anderen zusammen; es ist faszinierend zu erleben, wie unterschiedlich Menschen dasselbe Problem wahrnehmen können.

Eine Ermutigung zum Experimentieren

Falls Dir das alles theoretisch vorkommt: Das ist verständlich; aber der Wert dieser Herangehensweise zeigt sich beim Ausprobieren; wage ein kleines Experiment und schau, was passiert.

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