Vom Wissen zum Erkunden
Was mir persönlich am schwersten gefallen ist: den Wechsel von einer wissenden zu einer erkundenden Haltung; als Beraterin oder Führungskraft wird oft erwartet, dass Du Antworten hast, dass Du den Weg kennst, dass Du Sicherheit vermittelst.
Aber in komplexen Situationen ist dieses vermeintliche Wissen eher hinderlich, weil es Dich blind macht für das, was tatsächlich passiert; eine erkundende Haltung bedeutet, neugierig zu bleiben, auch wenn Du glaubst, die Situation zu verstehen, immer wieder nachzufragen, auch wenn es unbequem ist, und bereit zu sein, Deine Annahmen über Bord zu werfen.
Ich sage manchmal: "Je sicherer ich mir bin, desto wichtiger ist es, dass ich frage", denn gerade unsere Gewissheiten können uns in komplexen Situationen in die Irre führen; die Bereitschaft, nicht zu wissen und gemeinsam zu erkunden, ist der Schlüssel, um mit Komplexität konstruktiv umzugehen.
Die erkundende Haltung
Eine erkundende Haltung ist keine Technik, die Du lernst, sondern eine Grundeinstellung, die Du kultivierst; sie bedeutet, der Versuchung zu widerstehen, schnelle Antworten zu geben, und stattdessen den Mut zu haben, gemeinsam ins Unbekannte aufzubrechen.
Die Illusion des Wissens
In unserer Gesellschaft genießen Menschen, die Antworten haben, hohes Ansehen; Expertentum wird geschätzt, Unwissen oft als Schwäche interpretiert; das führt zu einem starken Druck, immer zu wissen, was zu tun ist, besonders in Führungspositionen.
Diese Erwartungshaltung erzeugt jedoch eine gefährliche Illusion: die Illusion, dass komplexe Situationen durchschaubar und vorhersagbar seien; dass es für jedes Problem eine richtige Lösung gebe; dass Führung bedeute, diese Lösungen zu kennen und zu verkünden.
Was ich über Jahre beobachtet habe: Führungskräfte, die dieser Illusion erliegen, treffen oft Entscheidungen basierend auf unvollständigen Informationen; sie übersehen wichtige Aspekte, weil sie zu früh aufhören zu fragen; sie verlieren den Kontakt zu der Realität ihrer Teams, weil sie meinen, sie schon zu kennen.
Der erste Schritt zur erkundenden Haltung ist paradoxerweise die Bereitschaft zuzugeben: "Ich weiß es nicht"; und das ist befreiend, denn es öffnet den Raum für echtes Lernen und gemeinsame Entdeckungen.
Nicht-Wissen als Ressource
In der systemischen Therapie und Beratung gibt es ein wunderbares Konzept: die "not-knowing position" - die Position des Nicht-Wissens; sie bedeutet nicht Ignoranz oder Inkompetenz, sondern eine bewusste Haltung der Offenheit und Neugier.
Diese Haltung erlaubt es Dir, Menschen und Situationen so zu begegnen, als würdest Du sie zum ersten Mal sehen; ohne Vorurteile, ohne vorgefasste Meinungen, ohne die Brille vergangener Erfahrungen, die den Blick trüben könnte.
Ein Beispiel: Eine Mitarbeiterin kommt zu Dir und sagt "Ich habe ein Problem mit Kollege X"; die wissende Haltung würde sofort Hypothesen bilden, Ratschläge formulieren, Lösungen anbieten; die erkundende Haltung fragt: "Erzähl mir mehr davon", "Wie zeigt sich dieses Problem?", "Was ist für Dich dabei am schwierigsten?"
Der Unterschied ist gewaltig: In der wissenden Haltung projizierst Du Deine Erfahrungen auf die andere Person; in der erkundenden Haltung lässt Du zu, dass sie ihre eigene Geschichte erzählt, und oft ist diese Geschichte ganz anders, als Du vermutet hättest.
Das Nicht-Wissen kultivieren
Übe für eine Woche, in schwierigen Situationen mit "Ich weiß es nicht" zu beginnen; statt sofort Lösungen zu suchen, erkunde erst gemeinsam mit den Beteiligten die Situation; Du wirst überrascht sein, wie oft sich dadurch völlig neue Perspektiven und Möglichkeiten eröffnen.
Der Paradigmenwechsel in der Führung
Von einer wissenden zu einer erkundenden Führung zu wechseln, ist mehr als nur eine Methodenänderung; es ist ein fundamentaler Paradigmenwechsel, der das Verständnis von Führung selbst betrifft.
Wissende Führung sagt: "Ich habe die Antworten und teile sie mit Euch" Erkundende Führung sagt: "Lasst uns gemeinsam herausfinden, was funktioniert"
Wissende Führung setzt auf: Expertise, Kontrolle, Vorhersagbarkeit Erkundende Führung setzt auf: Neugier, Beteiligung, Lernbereitschaft
Wissende Führung fragt: "Wie setze ich meine Lösung um?" Erkundende Führung fragt: "Was würde funktionieren und warum?"
Dieser Wechsel erfordert Mut, denn er bedeutet, die Rolle des allwissenden Chefs aufzugeben und die Rolle des neugierigen Lernenden einzunehmen; viele Führungskräfte befürchten, dass sie dadurch an Autorität verlieren könnten.
Das Gegenteil ist oft der Fall: Teams respektieren Führungskräfte, die ehrlich zugeben können, dass sie nicht alles wissen, und die bereit sind, gemeinsam zu lernen; diese Ehrlichkeit schafft Vertrauen und ermutigt andere, ebenfalls offen und neugierig zu sein.
Erkundung in der Praxis
Wie sieht erkundende Führung konkret aus? Hier einige Beispiele aus dem Arbeitsalltag:
In Meetings: Statt die Agenda durchzuarbeiten und Entscheidungen zu verkünden, beginnst Du mit einer Frage: "Was ist heute für Euch wichtig?", "Welche Themen beschäftigen Euch?", "Was sollten wir unbedingt besprechen?"
Bei Problemen: Statt sofort nach Lösungen zu suchen, erkundest Du erst das Problem: "Seit wann ist das so?", "Wie zeigt es sich genau?", "Wer ist noch betroffen?", "Was haben wir schon versucht?"
Bei Konflikten: Statt Vermittler zu spielen, hilfst Du den Beteiligten dabei, einander zu verstehen: "Was ist für Dich wichtig in dieser Situation?", "Wie siehst Du das?", "Was bräuchtest Du, um Dich verstanden zu fühlen?"
Bei Entscheidungen: Statt die beste Option zu präsentieren, erkundest Du gemeinsam die Möglichkeiten: "Welche Optionen sehen wir?", "Was sind die Konsequenzen?", "Was würde X dazu sagen?", "Worauf sollten wir achten?"
Die Balance finden
Erkundende Führung bedeutet nicht, nie mehr Entscheidungen zu treffen oder Richtungen vorzugeben; es geht darum, den richtigen Moment für beides zu finden: Wann ist Erkundung hilfreich und wann ist klare Führung gefragt? Diese Balance zu entwickeln ist eine der wichtigsten Führungskompetenzen.
Widerstände gegen das Nicht-Wissen
Der Wechsel zur erkundenden Haltung stößt oft auf Widerstände, sowohl bei Dir selbst als auch bei anderen; diese Widerstände zu verstehen und zu durcharbeiten ist wichtig für eine erfolgreiche Transformation.
Innere Widerstände: Die Angst, inkompetent zu wirken; das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren; die Sorge, dass andere die Unsicherheit ausnutzen könnten; der Verlust der gewohnten Expertenrolle.
Äußere Widerstände: Teams, die klare Anweisungen erwarten; Vorgesetzte, die schnelle Lösungen fordern; eine Unternehmenskultur, die Wissen über Neugier stellt; Zeitdruck, der scheinbar keine Erkundung zulässt.
Mit diesen Widerständen umzugehen erfordert Geduld und Strategie: Beginne in kleinen Schritten; wähle zunächst Situationen, in denen weniger auf dem Spiel steht; teile Deine Erfahrungen mit anderen und hole Dir Unterstützung; bleibe behutsam aber bestimmt bei Deiner neuen Haltung.
Die Macht der richtigen Frage
Eine der kraftvollsten Erfahrungen in der erkundenden Führung ist zu erleben, wie eine gut gestellte Frage mehr bewegen kann als zehn wohlgemeinte Ratschläge; Fragen öffnen Denkräume, wo Antworten sie schließen; sie laden zur Reflexion ein, wo Aussagen zum Konsumieren auffordern.
Die richtige Frage zur richtigen Zeit kann Menschen dazu bringen, selbst Lösungen zu finden, die besser sind als alles, was Du hättest vorschlagen können; sie kann festgefahrene Situationen auflösen, neue Perspektiven eröffnen, Verbindungen schaffen zwischen Menschen, die sich missverstanden fühlten.
Aber was macht eine Frage zu einer "richtigen" Frage? Es ist nicht ihre Formulierung, sondern die Haltung dahinter: echte Neugier statt versteckte Botschaften; Offenheit für überraschende Antworten statt heimliche Erwartungen; Respekt für die Weisheit der anderen statt subtile Manipulation.
Von der Antwort-Maschine zum Fragen-Künstler
Der Übergang von einer antwortenden zu einer fragenden Führungskraft ist wie der Wechsel von einem Handwerker zu einem Künstler; der Handwerker wendet bewährte Techniken an, der Künstler erkundet unbekannte Möglichkeiten; beide haben ihre Berechtigung, aber in komplexen Zeiten brauchen wir mehr Künstler.
Übung: Deine erste Erkundungswoche
Wenn Du bereit bist, die erkundende Haltung auszuprobieren, hier eine Übung für die kommende Woche:
Tag 1-2: Beobachten Achte darauf, wie oft Du in Gesprächen Antworten gibst, ohne vorher gefragt zu haben; notiere Dir diese Situationen ohne Bewertung, nur als Information.
Tag 3-4: Pausieren Wenn Du merkst, dass Du eine Antwort geben willst, halte kurz inne; frage Dich: "Was würde ich gerne wissen, bevor ich antworte?", und stelle diese Frage.
Tag 5-7: Erkunden Wähle bewusst drei Situationen, in denen Du normalerweise sofort eine Lösung vorschlagen würdest; erkunde stattdessen mit Fragen: "Wie siehst Du das?", "Was wäre hilfreich?", "Was hast Du schon versucht?"
Reflexion am Ende der Woche: Was ist Dir aufgefallen? Wie haben die Menschen reagiert? Was war für Dich überraschend? Was möchtest Du beibehalten oder anders machen?
Deine Erkundungsreise beginnen
Erkundende Führung ist weniger eine Technik als vielmehr eine Reise; sie führt Dich zu tieferen Einsichten über Menschen, Organisationen und Dich selbst; beginne heute mit dem ersten Schritt: erkenne an, dass Du nicht alles weißt, und sei neugierig auf das, was Du entdecken könntest.
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