Entscheiden im Komplexitätsmodus
Eine Frage, die Führungskräfte immer wieder stellen: "Wie kann ich in komplexen Situationen gute Entscheidungen treffen, wenn ich die Folgen nicht vorhersehen kann?"; eine Gegenfrage, die erstmal irritiert: "Was wäre denn, wenn die Qualität der Entscheidung gar nicht so wichtig wäre wie die Art, wie Du entscheidest?"
Die Idee dahinter: In komplexen Systemen hören wir auf, nach der einen perfekten Entscheidung zu suchen, und lernen stattdessen, in Iterationen zu denken, in kleinen Schritten, die uns erlauben zu lernen und nachzujustieren; nicht die große Weichenstellung, sondern das behutsame Tasten und Erkunden.
Der Paradigmenwechsel
Wie kommt es dazu, dass große, wohlüberlegte Entscheidungen in komplexen Situationen oft scheitern? Ein häufiger Grund ist die Überschätzung unserer Vorhersagefähigkeit und die Unterschätzung der Lernkraft kleiner Experimente. Hypothesenlogik, Iterationen und reversible Schritte ermöglichen es, mit Unsicherheit konstruktiv umzugehen. Entscheiden wird zu einem Lernprozess statt zu einer einmaligen Weichenstellung.
Praxisfall: Produktentwicklung ohne Plan
Ein beeindruckendes Beispiel eines Softwareunternehmens, das radikal anders vorging: Die Geschäftsführung hatte die Idee für ein neues Produkt, aber statt wie üblich einen detaillierten Businessplan zu erstellen, Marktanalysen durchzuführen und dann zwei Jahre zu entwickeln, machten sie etwas Verrücktes.
Sie bauten in drei Wochen einen ganz einfachen Prototyp, wirklich nur das Allernötigste, und zeigten ihn zehn potentiellen Kundinnen und Kunden; die Rückmeldungen waren vernichtend, aber genau das war der Punkt: Sie lernten in drei Wochen mehr über die wirklichen Bedürfnisse ihrer Kundschaft als sie in monatelangen Planungssitzungen hätten herausfinden können.
Mit diesem Wissen bauten sie den nächsten Prototyp, wieder schnell und einfach, wieder gab es Rückmeldungen, wieder lernten sie dazu; nach einem Jahr und etwa zwanzig Iterationen hatten sie ein Produkt, das ihre Kundschaft wirklich wollte, und das sah völlig anders aus als die ursprüngliche Idee; hätten sie den klassischen Weg gewählt, hätten sie zwei Jahre und viel Geld in etwas investiert, das niemand braucht.
Risikoarme Experimente designen
Ein Prinzip aus der Komplexitätsforschung ist die Idee der risikoarmen Experimente; das bedeutet, Versuche so zu gestalten, dass ihr Scheitern keine Katastrophe wäre, sondern verkraftbar und lehrreich.
Die Kunst besteht möglicherweise darin, den Rahmen so zu setzen, dass Du mutig experimentieren kannst, ohne das ganze System zu gefährden; zeitliche Begrenzung könnte helfen ("Wir probieren das drei Monate"), räumliche Begrenzung ("nur in einer Abteilung"), oder budgetäre Begrenzung ("maximal 10.000 Euro").
So funktionieren Entscheidungsiterationen
Nimm eine anstehende Entscheidung und zerlege sie in kleinere Schritte: Was ist der kleinste mögliche erste Schritt? Was lernst Du dabei? Welche Optionen bleiben Dir nach diesem Schritt noch offen? Plane höchstens drei Iterationen im Voraus, denn was danach kommt, hängt davon ab, was Du in den ersten Schritten lernst.
Eine wichtige Erkenntnis: Je sicherer das Scheitern ist, desto mutiger können Menschen experimentieren, und desto mehr lernt die Organisation; paradoxerweise führt die Akzeptanz des möglichen Scheiterns oft zu besseren Ergebnissen, weil Menschen freier denken und handeln können.
Prototypenerstellung als Denkweise
Die Prototypenerstellung, also das schnelle Erstellen von Testversionen, ist aus der Produktentwicklung bekannt, aber faszinierend: Diese Denkweise lässt sich möglicherweise auf fast alles übertragen, von Organisationsstrukturen über Prozesse bis zu Strategien.
Statt monatelang die perfekte Besprechungsstruktur zu planen, könntest Du eine Woche lang ein neues Format ausprobieren; statt ein ausgefeiltes Bonussystem zu entwickeln, könntest Du mit einer Abteilung einen einfachen Ansatz testen; der Prototyp muss nicht perfekt sein, er muss nur gut genug sein, um daraus zu lernen.
Was diese Herangehensweise so wertvoll macht: Du bekommst echte Erfahrungen statt theoretischer Überlegungen, und Du merkst schnell, was funktioniert und was nicht; außerdem ist es psychologisch viel leichter, einen Prototyp zu verwerfen als eine "fertige" Lösung.
Die Intelligenz des Handelns
Handeln in komplexen Systemen ist nicht blind oder unüberlegt, es ist eine andere Form der Intelligenz; eine, die anerkennt, dass manche Erkenntnisse nur durch Erfahrung gewonnen werden können und dass der schnellste Weg zum Verstehen oft über das Tun führt.
Übung: Dein erstes Experiment
Wenn Du Lust hast, das Arbeiten im Komplexitätsmodus selbst auszuprobieren, hier eine kleine Übung, die Dir den Einstieg erleichtern könnte:
Schritt 1: Ein Problem identifizieren Such Dir ein mittelschweres Problem aus Deinem Arbeitsalltag, etwas, das Dich schon länger beschäftigt, aber nicht geschäftskritisch ist; vielleicht eine ineffiziente Besprechung, ein stockender Prozess oder eine schwierige Zusammenarbeit.
Schritt 2: Hypothese formulieren Überlege Dir, was möglicherweise helfen könnte, und formuliere es als Hypothese: "Ich vermute, dass X zu Y führen könnte"; sei dabei möglichst konkret und achte darauf, dass die Hypothese überprüfbar ist.
Schritt 3: Das kleinste mögliche Experiment Was wäre der kleinste Versuch, mit dem Du Deine Hypothese testen könntest? Denke wirklich klein: eine Woche, eine Person, eine Besprechung; je kleiner, desto besser, denn dann ist das Risiko gering und Du kommst schnell ins Handeln.
Schritt 4: Erfolgskriterien definieren Woran würdest Du erkennen, dass Deine Hypothese stimmt? Definiere das vorher, nicht nachher, sonst interpretierst Du möglicherweise alles als Erfolg; sei dabei realistisch, es muss keine Revolution sein, kleine Verbesserungen reichen völlig.
Schritt 5: Durchführen und beobachten Führe Dein Experiment durch und beobachte genau, was passiert; nicht nur, ob Deine Erfolgskriterien erfüllt werden, sondern auch, welche unerwarteten Dinge geschehen; oft sind die Überraschungen die wertvollsten Erkenntnisse.
Schritt 6: Lernen und entscheiden Nach dem Experiment: Was hast Du gelernt? Solltest Du die Idee verwerfen, anpassen oder ausweiten? Plane Deine nächste Iteration basierend auf diesen Erkenntnissen.
Ein ermutigender Gedanke
Falls Du Dich unsicher fühlst, ob Du "einfach so" experimentieren darfst: Die meisten Organisationen sind dankbar für Menschen, die Initiative zeigen und neue Wege ausprobieren, solange sie dabei verantwortungsvoll vorgehen; und mit dem Ansatz der risikoarmen Experimente zeigst Du ja gerade, dass Du verantwortungsvoll mit Risiken umgehst.
Die Kern-Erkenntnis: Entscheiden in Komplexität bedeutet möglicherweise nicht, die Zukunft vorherzusehen, sondern beweglich zu bleiben, schnell zu lernen und mutig zu experimentieren; es ist eine Haltung, die Unsicherheit nicht als Problem sieht, sondern als Einladung zum Entdecken.
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