Das Reflecting Team
Das Reflecting Team ist eine wunderbare Methode, um multiple Perspektiven in einen Beratungsprozess zu bringen; während eine Person oder ein Team ihr Anliegen bespricht, hört eine kleine Gruppe zu und reflektiert anschließend untereinander, was sie gehört und wahrgenommen haben, während die ursprünglich Sprechenden nun zuhören.
Das Besondere am Reflecting Team: Es schafft einen geschützten Raum für ehrliche Reflexion und eröffnet neue Perspektiven, ohne direkten Beratungsdruck zu erzeugen.
Wie ein Reflecting Team funktioniert
Die Methode folgt einem klaren, aber flexiblen Ablauf: Zunächst stellt eine Person oder ein Team ihre Situation dar, während drei bis fünf Personen aktiv zuhören. Nach dieser Darstellung wechseln die Rollen: Die Zuhörenden sprechen untereinander über ihre Wahrnehmungen, Gedanken und Beobachtungen, während die ursprünglich Sprechenden nun zuhören.
Durch diesen Perspektivwechsel entstehen oft völlig neue Einsichten. Die Betroffenen hören, wie andere ihre Situation wahrnehmen, welche Muster auffallen, welche Ressourcen gesehen werden, und das ohne direkte Ratschläge oder Bewertungen.
Der Clou liegt in der indirekten Form der Reflexion: Weil das Reflecting Team nicht direkt zur fragenden Person spricht, sondern untereinander, entsteht ein Raum für ehrliche Wahrnehmungen, ohne dass diese als direkte Kritik oder Belehrung ankommen.
Die Regeln und Struktur
Für ein gutes Reflecting Team braucht es klare Regeln: Die Reflektierenden sprechen in der dritten Person über die Beobachteten, sie bleiben wertschätzend und ressourcenorientiert, und sie bieten verschiedene Deutungen an statt die eine Wahrheit zu verkünden. So entsteht ein reichhaltiges Angebot an Perspektiven.
Phase 1: Darstellung (10-15 Minuten)
Die fragende Person oder das Team stellt ihre Situation dar. Das Reflecting Team hört aktiv zu, stellt eventuell wenige Verständnisfragen, macht aber keine Kommentare oder Vorschläge.
Phase 2: Reflexion (10-20 Minuten)
Das Reflecting Team spricht untereinander über das Gehörte. Wichtige Regel: Sie sprechen in der dritten Person ("Ich habe gehört, dass sie...") und teilen Wahrnehmungen, keine Ratschläge.
Phase 3: Resonanz (5-10 Minuten)
Die ursprünglich Fragenden teilen mit, was sie aus der Reflexion mitgenommen haben, was ihnen aufgefallen ist oder was sie überrascht hat.
Ein Reflecting Team ausprobieren
Suche Dir drei bis vier Kolleginnen oder Kollegen und probiere die Methode mit einem aktuellen Arbeitsthema aus. Achte darauf, dass alle Beteiligten die Regeln verstehen: wertschätzend bleiben, verschiedene Deutungen anbieten, in der dritten Person sprechen.
Was gute Reflexion ausmacht
Eine hilfreiche Reflexion im Reflecting Team zeichnet sich durch bestimmte Qualitäten aus:
Ressourcenorientiert: Statt Probleme zu betonen, werden Stärken, Kompetenzen und positive Aspekte hervorgehoben. "Mir ist aufgefallen, wie strukturiert sie an das Problem herangeht."
Hypothetisch: Deutungen werden als Möglichkeiten formuliert, nicht als Gewissheiten. "Es könnte sein, dass..." oder "Ich frage mich, ob..."
Konkret: Beobachtungen beziehen sich auf spezifische Aussagen oder Verhaltensweisen, nicht auf allgemeine Eigenschaften. "Als sie von dem Projekt erzählte, wirkte ihre Stimme lebendiger."
Vielfältig: Verschiedene Teammitglieder bieten unterschiedliche Perspektiven an, die einander ergänzen oder auch widersprechen dürfen.
Die Kraft der Außenperspektive
Das Reflecting Team nutzt eine grundlegende Erkenntnis: Wir können unser eigenes System oft nicht vollständig von innen verstehen; die wohlwollende Außenperspektive macht Muster sichtbar, die wir selbst nicht sehen können, und eröffnet dadurch neue Handlungsmöglichkeiten.
Wann Reflecting Teams besonders hilfreich sind
Reflecting Teams eignen sich besonders für komplexe Situationen, in denen verschiedene Deutungen möglich sind und kreative Lösungsansätze gefragt sind:
- Teamentwicklung: Wenn ein Team in festgefahrenen Mustern steckt und neue Perspektiven braucht
- Führungsentwicklung: Wenn Führungskräfte ihre Wirkung reflektieren und blinde Flecken entdecken möchten
- Projektreflexion: Bei komplexen Projekten, die aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden sollten
- Konfliktbearbeitung: Als sanfte Form der Mediation, die neue Verständnisebenen eröffnet
Besonders wertvoll ist die Methode, wenn direkte Beratung oder Feedback als bedrohlich empfunden wird. Durch die indirekte Form können auch heikle Themen angesprochen werden, ohne dass sich jemand angegriffen fühlt.
Vorteile und Grenzen der Methode
Die Stärken des Reflecting Teams:
Die Methode schafft einen geschützten Raum für ehrliche Reflexion, weil die Beteiligten nicht direkt konfrontiert werden. Sie fördert multiple Perspektiven und verhindert vorschnelle Lösungen. Gleichzeitig aktiviert sie die Selbstreflexion der Betroffenen, statt ihnen Antworten von außen aufzudrängen.
Die Grenzen der Methode:
Reflecting Teams funktionieren nicht in allen Kulturen gleich gut. In sehr direkten Kulturen kann die indirekte Form als umständlich empfunden werden. Bei akuten Krisen, wo schnelle Entscheidungen nötig sind, ist die Methode zu zeitaufwändig. Außerdem braucht es eine gewisse Offenheit und Vertrauen bei allen Beteiligten.
Häufige Fallen vermeiden
Achte darauf, dass das Reflecting Team nicht in versteckte Beratung oder verkappte Kritik abgleitet. Die Regel "in der dritten Person sprechen" hilft dabei, den geschützten Raum zu bewahren.
Variationen und Anpassungen
Die Grundidee des Reflecting Teams lässt sich an verschiedene Kontexte anpassen:
Online-Reflecting Teams: In virtuellen Meetings können Breakout-Rooms genutzt werden. Die Grundregeln bleiben gleich, nur die Technologie ändert sich.
Schriftliche Reflexion: Bei großen Gruppen können die Reflexionen zunächst schriftlich gesammelt und dann vorgelesen werden.
Fishbowl-Format: Eine Variation, bei der Beobachtende und Reflektierende physisch getrennt sitzen, um die Rollentrennung zu verdeutlichen.
Reflecting Team für sich selbst: Einzelpersonen können die Methode adaptieren, indem sie verschiedene innere Stimmen oder Perspektiven artikulieren.
Die Rolle der Moderation
Eine gute Moderation ist entscheidend für den Erfolg eines Reflecting Teams. Die moderierende Person achtet auf die Einhaltung der Regeln, sorgt für eine wertschätzende Atmosphäre und strukturiert den Ablauf.
Wichtig ist, dass die Moderation selbst nicht inhaltlich beiträgt, sondern den Prozess im Blick behält. Sie unterbricht, wenn Regeln verletzt werden, sorgt dafür, dass alle zu Wort kommen, und achtet auf die Zeit.
Die Moderation sollte auch darauf achten, dass die Reflexion nicht zu oberflächlich bleibt. Manchmal braucht es Ermutigung, tiefer zu gehen oder auch unbequeme Wahrnehmungen zu teilen - natürlich immer wertschätzend und konstruktiv.
Eine Methode für komplexe Zeiten
In einer Zeit, in der schnelle Antworten und einfache Lösungen häufig bevorzugt werden, bietet das Reflecting Team einen wertvollen Gegenpol: Es lädt dazu ein, innezuhalten, verschiedene Perspektiven zu würdigen und die Weisheit der Gruppe zu nutzen.